China, oder Wie die Jungfrau zum Kinde kam
Schwierige Frage. Die katholische Kirche beanwortet sie mit göttlicher Intervention, es wird geraunt, es wäre durchs Ohr gezeugt worden. Phantasievoll, aber höchst unrealistisch. Selbst nach Dutzenden von Versuchen führte das zu nichts. Andererseits gibt es durchaus Frauen und Männer, die durch ihre Bauform geeignet sind, quasi an der mehr oder weniger großen Sperre vorbei das zu abzuladen, war nötig ist, um eine nur noch physische Jungfrau zur Mutter zu machen. Wir wissen nicht, wie das bei Joseph war und bei Marien, wir wissen aber auch, dass findige Frauen schon immer gut darin waren, die besagte Sperre neuaufzubauen, sollte das nötig werden, zusammen mit einer Phiole Schweineblut, so geschehen bei etlichen Hochzeiten des Adels. Dort kam die Schwierigkeit dazu, dass alle zusahen und die Erstbesteigung dokumentieren mussten. Geld mag auch geholfen haben. Durchaus erbauliche Vorstellungen.

So sah es damals auf der Baishiqiaolu (Weiße-Stein-Brückenstraße 白石桥路) in Peking aus. 13 Reihen breiter Fahrradverkehr, bei den Rädern gab es sogar zwei Marken, Phönix und Schwalbe (ich hatte ein Phönix, gepimpt mit einer japanischen Dreigang-Schaltung). Gleichmäßig fließender Verkehr, selten mal ein Laowai 老外, ein Ausländer, darunter (wenn, dann mit Ehrgeiz, die Chinesen hatten es damals nie eilig). Was mich heute daran irritiert: Im Netzt ist selbst nach längerer Suche kaum noch ein Bild von solchen Szenden zu finden, dabei war das damals ubiquitär. Hier musste dann die KI nachhelfen, aber ja, so sah es damals aus! Warum zeigen wir das nicht mehr, China?
Wenn ich also zu China gekommen bin wie die Jungfrau zum Kinde, muss es ebenfalls durch göttliche Zeugung durchs Ohr gegangen sein. Anders kann man sich das kaum erklären, im Rückblick. Denn heute erkennt man das Straßenbild oben nicht mehr wieder. Nix mit „there are twelve million biycles in Beijing“. Trost: Schneller als die Radfahrer von damals kommen die Automobilisten auch nicht vorwärts, sie haben es vielleicht nur wärmer, aber auch nur vielleicht: Denn damals trug der Chinese im Winter vier Hosen übereinander. Eine Unterhose, eine Trainingshose, eine Jogginghose (notfalls Schlafanzug) und darüber das blaue Beinkleid. Und bei großer Kälte den großen, glockenförmigen Militärmantel.

Die Frage, anders gestellt, lautet demnach, wie kommt es, dass ein Jüngling von gerade mal zwanzig Jahren darauf kommt, sich einem fernen Lande zuzuwenden, das damals nur dafür bekannt war, aus blau gekleideten Ameisen zu bestehen.
Schwierige Frage. Das Ganze begann einmal im Garten der Schule, wo der Knabe erstens seine Verbindungen zu Mutter Erde und dem ganzen Rest des Universums blitzartig und vollständig entdeckte, und zweitens bei der Aufforderung, doch bitte bei der Bundeswehr als Gebirgsjäger einzusteigen und zwischen Gletschern, Schroffen und Sturzbächen beliebigen Gegnern den Garaus zu machen. Das erste war gut und schön, führte zu langen Haaren und langen Wanderungen durch Wälder und Bücher, für ein Jahr lang auch zu verschiedenen völlig freiwilligen und lichterfüllten Abstinenzen, das zweite war nicht gewünscht und sollte abgewählt werden.
Auch heute, wir schreiben das Jahr 2025, redet man wieder über Wehrpflicht und Zivil- oder Sozialdienst. Es bleibt also spannend.
Damals war es nur folgerichtig, den Kriegsdienst an der Waffe (merke: Der Mensch dient der Waffe) zu verweigern. Nicht wie ein Pferd vor dem Doppeloxer, so einfach war das nicht, sondern mit Bewußtseinsauslotungsverfahren bestückt. Beliebt ware damals Fragen, die man nicht beanworten konnte. Sie, Herr Bodenstein, werden mit Frau und Mutter von einer Gruppe Russen belästigt, die ihre beiden Frauen vergewaltigen und töten wollen. Zufällig liegt da gerade eine Waffe auf dem Boden. Was tun Sie? Da ist natürlich jede Antwort falsch. Ja, die können die beiden ruhig haben, brauchen ja alle mal ihren Spaß, wäre nur der Vorläufer zu einer anderen Frage geworden, als Nächster sind dann Sie dran, die werden sie aufschlitzen und foltern und langsam zu Tode quälen, Sie haben die Waffe aber immer noch in der Hand. (Nun drück doch endlich ab, Junge!, rufen einem die Blicke zu). Tut man das und schießt alle tot, dann kann man doch auch zur Bundeswehr gehen, denn die macht genau das, Mütter und Frauen verteidigen, das Land, Konto, Kirche und Fußballverein, da kann man doch nicht nein sagen!
Es brauchte dann zwei Verhandlungen, um damit durchzukommen. Details möchte ich hier allen ersparen, aber ohne ein wenig Verrat ging es nicht ab („es gibt Gruppen von Beratern, die einen auf die Fragen und Antworten vorbereiten“), nebst festem Auftreten bei guter Gesinnung.
Nun brauchte man zwei Zeugen für seine Gesinnung, mit schriftlichen Zeugnissen. Mein Freund Werner sagte zu, schrieb aber nichts. Mein Klassenlehrer, Herr Fleischer, der beste, den ich je hatte, nahm mich dann drei Stunden ins Gebet und stellte kluge Fragen. Und er holte mehr aus mir heraus, als ich es mir hätte träumen lassen. Mein Weltbild, meine Vorstellungen zum Wesen des Seins, zu dem, was über die normalen Sinne hinausgeht, und dann nahm er den Holzhammer und schlug zu: Mit einem Buch, in dem ich meine Ideen so präzise und scharf wiederfand, wie ich es selbst nie hätte formulieren können. Man ahnt es schon: ein Buch aus dem alten China, ein philosphisches, kluges Buch, das auf wenigen Seiten so ziemlich alles wunderschön erklärte.
Das wollte ich gern im Original lesen!
Das war allerdings nicht der einzige Grund. Der andere: Latein. Das ging mir leicht von der Hand, warum also nicht mal was Schwieriges lernen? Und dann gab es Mao. Nicht Tsetung, sondern Hans, der dem Chinamann nicht mal ähnlich sah, aber so hieß, weil er in einer Art Schülerorganisation der „Roten Fahne“ aktiv war (außer ihm noch ein paar verwöhnte Bürgerkinder, die gern ihren Drang zur Rebellion massieren wollten). Da gab es auch interessante Dinge zu hören; die Chinesen operieren am offenen Herzen, ohne Betäubung, nur mit dem Vorlesen der Mao-Bibel, des kleinen, roten Buches, das ich auch noch irgendwo habe), nebst Akupunktur, und weitere wunderliche Wunderdinge. Das neue Denken machte das alles möglich!
Natürlich war das alles mehr oder weniger Quatsch. Vielleicht hatten die armen Ärzte in der armen Volksklinik keine Betäubungsmittel mehr, und man operierte zwar ohne, aber der Patient schaffte es nicht, was auch immer. Da wurden ganze Kaskaden von Wunderheilungen, unglaublichen Leistungen und eisernem Willen abgespult, dass es eine Pracht war. Da war der „Eiserne Mann“, ein Arbeiter, der mangels technischem Gerät selbst in den aushärtenden Beton sprang und so lange darin herumrührte, mit dem ganzen Körper, bis er endlich gegossen werden konnte (dass man später da und dort Knochen in Bauwerken gefunden hat, aus der Kulturrevolution, hat damit natürlich nichts zu tun. Eisern! Union Berlin wäre stolz auf ihn.
Drei Gründe also! Und schon entschied ich mich für ein Studium der Sinologie in Göttingen. Beim Klassischen Chinesisch war ich meist allein mit dem Professor, beim modernen waren wir immerhin schon sieben, eine revolutionäre Masse für die damalige Zeit, nicht zu vergleichen mit heutigen Studentenzahlen. „Was willst du denn damit werden?“, lautete die häufigste Frage (denen mit ebenso dummen Antworten entgegnet wurde). Und natürlich geht es dort nicht immer um die wenigen alten Texte, die mich interessierten, sondern um das Erlernen der Sprache, das Studium der langen Geschichte, Kursen auch in Japanisch, zwischendurch der Zivildienst, ein wenig politische Aktivität da und dort (es waren die frühen Siebziger), und schon waren diese Jahre um. Dass sie andererseits mit zu den besten im Leben gehörten, steht vermutlich auf einer anderen Seite, die ich bis jetzt noch nicht geschrieben habe. Vielleicht unter „Und ewig lockt das Weib“? Mal sehen.
1979 war ich mit dem Studium fertig. Also machte ich weiter und begann eine Dissertation über Science Fiction in China, die damals, passend zum Sturz der Viererbande, gerade entstand. Doch dann ergab sich 1981 die Chance, in Peking beim Verlag für Fremdsprachige Literatur zu arbeiten, genauer beim Magazin „China im Aufbau“, das mit Bildern und Artikeln Deutschland und anderen Ländern zeigte, was China schon konnte und was es dort alles gab, Kultur bei den Minderheiten zum Beispiel, eine bunte Mischung. Das Magazin stand zwischen der hoch politischen Peking Rundschau aus demselben Verlag und „China im Bild“, das eher genau das tat: Bilder zeigen. Schöne Bilder. Und dann gab es dort noch en Literaturverlag, für den ich z. B. ein Werk von Wang Meng übersetzen durfte, dem damaligen Kulturminister.
Auch diese vier Jahre waren eine besondere Zeit. Wir, die so genannten „ausländischen Experten“, lebten alle in einem Hotelkomplex des Freundschaftshotels, hatten eigene Kantinen, ein Schwimmbad, einen Fernsehraum, und einen Dachgarten, auf dem es Bier gab, und wo man sich folgerichtig abends traf, auch mit den Studenten der Peking-Universität, den ausländischen Lehrern in Peking und den seltenen Geschäftsleuten, die sich bereits hertrauten. Der Dachgarten war eine Institution. Dort wurde über Politik entschieden, über den Weltfrieden, die Revolution, den friedlichen Aufbau oder Rezepte für Kartoffelpuffer.
Wir fuhren mit dem Bus zur Arbeit, dem Verlag, und ansonsten mit dem Rad dorthin, wo wir schon hin durften. Denn an den meisten Straßen hingen noch Schilder, „out of bounds“, dort durften wir nicht hin. Aber zum Sommerpalast, zum Alten Sommerpalast, zu den Ming-Gräbern und in die Parks durften wir schon radeln. Die Schilder verschwanden dann nach und nach, und wir konnten überall hin. Außerdem gab es Experten-Taxis, die sehr günstig waren. Mit denen konnte man dann zur Großen Mauer, in den Freundschaftsladen, in dem man für Devisen („funny money“, eigens gedruckte Scheine, die nur dort galten) einkaufen konnte, oder mit einem Experten-Ausweis auch für Renminbi. Sogar am Gefängnis, wo Jiang Qing einsaß, die „Hexe“ der Viererbande und Ex-Frau von Mao, konnten wir vorbeirollen und den Atem der Geschichte spüren.
In der Parteischule lagen die Gräber der Jesuiten, die sehr früh in China waren, darunter Matteo Ricci und Adam Schall von Bell, der womöglich erste Deutsche in China (darüber gibt es ein Buch, Mandarin des Himmels, und ein anderes, Mandarin). Die Gräber, heute wieder gepflegt, waren damals in einem verwahrlosten Zustand, wir durften aber hin. Sinologie live.
Viele neue Horizonte, und auch auf des Messers Schneide. Denn die Kulturrevolution war ja gerade erst vorbei, ihre Beschädigungen noch überall zu sehen, auch in vielen Köpfen, das Neue konnte sich noch nicht recht entscheiden, wo es hinwollte. Zwei Jahre war Hua Guofeng dran, der viele neue Häuser bauen ließ und das eine oder andere Reförmchen anstieß, aber eine neue Richtung konnte er nicht zeigen. Bis der kleine Mann aus Sichuan, das Stehaufmännchen, das mehrmals gestürzt und wiederauferstanden war, Deng Xiaoping, an die Schalthebel kam und mit seinen Leuten die Öffnung nach Westen startete. Das ist eigentlich ein eigenes Kapitel wert.
Beginn von etwas Neuem
China erfand sich in vieler Hinsicht neu. Alles änderte sich. Hatte es vorher zur Erfrischung nur „qishui“ gegeben, eine Art Brause, überschwemmte plötzlich Coca-Cola die Stadt. Bier hatte es vorher nur mit einem Messbecher zum Abholen gegeben, plötzlich liefen die Brauereien wieder, Beijing Pijiu und Yanjing Pijiu, in Flaschen, auch auf dem Dachgarten. Vorher hörte ich um eine bestimmte Uhrzeit immer den Eisverkäufer sein Liedchen singen, „binggur wu fer, binggao yi mao“, im schönsten Peking-Dialekt, Eis am Stiel fünf Fen, Eiswaffel zen Fen. Das wollte dann auch niemand mehr. Vorher hatte vor dem Verlag immer ein Bauernmarkt stattgefunden, wo die Bauern von auswärts ihre Waren feilboten und die Angestellten sich ihr lebendes Hühnchen, ihren Chinakohl und Ingwer mitnahmen, alles günstig. Der nächste Markt, der entstand, gegenüber dem Freundschaftshotel, bot bereits Wollpullover von C&A an (denn die ließen im Norden stricken, was eine findige Botschaftsangestellte bewerkstelligt hatte).
Die Stadt wurde bunter. Statt Blaumann nun bunte Jacken, vor allem bei den Frauen, statt Militärmantel Lederjacken. Es gab mehr Autos. Mehrheitlich immer noch Marke Shanghai, ein Nachbau eines alten Mercedes 180, Moskwitch, die eine oder andere Rote Fahne, ein Kadergefährt, und schon ein paar europäische Autos, vor allem wohl von den Botschaften. Dass VW und andere bald da sein würden, sah ich an meiner Nachbarschaft: Waren vorher nur knapp 100 Deutsche in Peking gewesen, wurden es nun richtig viele, und Herr Li, der VW vertrat, wohnte über mir.
Auch die Leute veränderten sich. Doch das war kompliziert. Waren mir die Beziehungen anfangs harmonisch erschienen, war das nur Kitt über den Brüchen aus der Kulturrevolution, wo der eine den anderen verraten hatte. Aber ich konnte sehr viel Anständigkeit finden, die Menschen in China wollten das Gute, wollten Ruhe, wollten Entwicklung. Eine Frau aus Hainan zum Beispiel brachte mir über 10 km meine leere Zahnpasta-Tube zum Bus hinterher, „da ist doch noch was drin, haben Sie vergessen, hier, bitte“. Werde ich niemals vergessen. Sie war die 10 km hinterher gerannt und wieder zurück, ohne irgendwelchen Dank annehmen zu wollen. Das war der alte Spirit von „Dem Volke dienen“, den Mao einstmals ausgerufen hatte, aber in ihr und vielen anderen, die mir begegnet sind, war er höchst lebendig. Diesen Geist gibt es heute nicht mehr.
Auch bei mir persönlich änderte sich alles. Nach vier Jahren Dienst im Verlag gab es wieder ein offizielles Sexleben. Denn vorher war es so gut wie unmöglich gewesen, eine Chinesin zu treffen und das auch zu Ende zu führen. Natürlich ging es ab und zu doch, und das könnte weitere Seiten füllen, gehört hier aber nicht her. Auf einer Party im Hotel lernte ich eine 10 jahre jüngere Chinesin kennen, Wochen später kam es zur Heirat. Keine gute Ehe, vom ersten Tag an, aber mit einer schönen, klugen und tüchigen Tochter gesegnet, die heute in London lebt.
Meine damalige Frau brachte mich dazu, meine Arbeit und meine Dissertation aufzugeben und stattdessen nach „ordentlicher“ Arbeit zu suchen. Was tut man nicht alles für den Haussegen! Also fing ich bald bei einem deutschen Unternehmen aus der Elektrotechnik-Branche an, die ich auf einer Messe mit meinen Sprach- und Lernfähigkeiten beeindruckt hatte (ich konnte am zweiten Tag die Vorträge über deren Technik allein und auf Chinesisch halten, nach nächtlichem Wörterbuch-Studium). Der Umschwung in China hatte auch mich erwischt. Vom alten China, nach dem ich gesucht hatte, war wenig zu finden, außer in Büchern. Denn die Kultur der Meinungsvielfalt und der miteinander wetteifernden Philosophien und Religionen waren in der Song-Zeit durch Chu Hsi miteinander verschmolzen worden, zu einem Einheitsbrei, einer neokonfuzianistischen Staatsphilosophie, in der alle rigide festgelegt war. Natürlich gab es noch Leute, die sich mit dem Alten befassten, aber auch das war in der Kulturrevolution so gründlich verdreht worden, dass wenig wiederzuerkennen war. Und in meinem Job war davon sowieso nichts mehr da.
Und wieder ist alles anders
Ich machte den Job nicht schlecht, aber ganz anders als andere Deutsche in China. Während die meisten davon oft nur untereinander den Kontakt suchten und ansonsten nur mit ihrem Fahrer, Übersetzer oder dem Kindermädchen sprachen, tauchte ich ein in die Massen, um mich mit meinem sehr guten und volksnahen Chinesisch wie ein Fisch im Wasser im Teich der dortigen Elektroindustrie zu bewegen. Die Firma wuchs gut, mit wichtigen Joint Ventures mit großen Energieversorgern, mit dem ersten Eigenunternehmen in Südchina, und teilweise mit einer Marktdominanz von weit über 50 % (bei einem ausgewählten Produkt). Ich hatte mich zum zweithöchsten Gehalt im Konzern hochgearbeitet.
Hochmut kommt natürlich vor dem Fall: Denn diese Dominanz schmeckte den Menschen an den Schaltstellen schlecht, und als im tiefsten Winter, draußen im Schnee des Testinstitutes, einer der deutschen Ingenieure entscheid, mit einem schon geprüften Produkte weiterzumachen, anstatt ein neues zu nehmen, wie erlaubt war. Und schon gab es einen schönen, orangeroten Feuerball, kurze Zeit später musste das Produkt vom Markt genommen werden, obwohl es den Wiederholungstest mit Bravour bestanden hatte. Auch das wäre noch kein Problem gewesen, die richtigen Beziehungen hätten das schon gerichtet. Doch aus Deutschland kam Anweisung, den Betrieb herunterzufahren. Und das passte mir nicht, ein Riss tat sich auf. Ich kündigte und machte mich selbständig.
Selbst ist der Mann
Schon bald hatte ich neue Produkte für diesen Markt, es lief gut, und wieder entstanden einige neue Joint Ventures in China, wieder mit kraftvollen Partnern, und auch mit neuen Produkten. Eine Partnerschaft mit einer spanischen Firma, eine mit einer aus Malaysia, zwei mit deutschen Partnern.
Und das war noch nicht alles. Wir waren von einer anderen Firma gefragt worden, ihnen eine extrem schmale und leistungsfähige Schaltanlage ohne Treibhausgase zu entwickeln. Ich hatte, obwohl Nicht-Techniker, eine zündende Idee dazu. Wir ließen uns das patentieren und bauten selbst, in Deutschland. Insgesamt war ich übrigens an einigen Dutzend Patenten beteiligt, an einigen maßgeblich, an anderen im Teamwork, bei sonstigen am Rande, aber nicht ohne Beitrag.
Wir verkauften diese Technologie an eine indische Firma, im Nachhinein sicher ein Fehler, denn eine große deutsche Firma mit S war ebenfalls interessiert gewesen, und die Inder zahlten statt insgesamt acht Millionen Euro nur eine aus (indem sie alles liegen ließen und den Ablauf den Vertrages abwarteten, bevor sie bauen wollten).
Parallel dazu fragten mich meine chinesischen Partner in Südchina, ob wir ihnen nicht bei der Entwicklung einer Windkraftanlage helfen könnten; wir konnten, denn über die Elektrotechnik hatten wir viele Anknüpfungspunkte. Und schon entstand das nächste Joint Venture, an dem wir 25 % hielten, an denen ich einen Anteil von 44 % hatte. Die Anlage, die wir auch auf der Hannover Messe zeigten, wo gleich das Kühlsystem von einem Wettbewerber kopiert wurde, war damals das Größte und Neuste für China, eine 2.5 MW-Anlage mit Direktantrieb. Der Prototyp in Beihai war Anziehungspunkt für die Massen, es enwickelte sich sogar der Brauch, die Hochzeitsfoto vor dieser Landmarke zu machen.
Schön war’s, und weniger schön ging es zu Ende damit. China änderte die Preise rapide, sie sanken über Nacht um 40 %, denn die Zentrale war der Meinung, dass es mit fast 100 Herstellern im Lande zu viele gab. Solche Preisniveaus konnten wir nicht wegstecken, und im Endeffekt mussten wir die Firma wieder auflösen.
Ein anderer Grund war die Beteiligung von hochrangigen Politikern, selbst der Familie des damaligen Premierministers, an den vier größten Windkraftherstellern. So weit war es mit der Moral inzwischen gekommen.
Wir hatten noch die Technik, die wir ja mit entwickelt hatten. Doch leider hatten einige meiner Partner andere Ideen und träumten von Luftschlössern, sie wollten die Technik unbedingt an einen Hallodri weiter veräußern, der früher einmal mit einem Börsengang erfolgreich gewesen war, aber längst keine Rolle mehr in der Windindustrie spielte.
Nach einem weiteren Jahr hielt ich das nicht mehr aus, ließ meine Anteile ruhen und stieg aus, zeitgleich mit meinem Weggang aus Hong Kong, nach 30 Jahren China. Die Batterien waren leer. Nur Ruhe und der Wald konnten noch helfen.
Also ging ich zurück in meine altes Göttingen, bezog dort eine schöne Wohnung und entspannte mich mit meinen Ersparnissen. Die hielten aber auch nicht ewig vor. Ein neuer Job musste her, während meine früheren Partner ein Stück Tafelsilber nach dem anderen für das nächste Mittagessen verkauften.
Berater
Schon ein Jahr später war ich wieder zurück und sollte einem deutschen Unternehmen in Wuxi auf die Beine helfen, als Berater und bald wieder General Manager. Das brauchte erst ein halbes Jahr, bevor ich diese Branche und die Beziehungen in der Firma und nach außen verstanden hatte, aber dann lief es: Die Firma wurde an die Manager verkauft, Chinesen, die weitaus günstiger fertigen und Deutschland weiter beliefern konnten. Job getan, Vertrag für fünf Jahre, also weitere Tätigkeiten für diese Firma, in China, um etwas Neues, Größeres aufzubauen, und in Vietnam, schon damals der aufstrebende und günstigere Konkurrent Chinas. Wieder eine ganz gute Zeit, aber nicht mit Herzblut, wie beim Lebenswerk Windkraft. Nach fünf Jahren, nun 35 in China, war auch das vorüber, die Rente rief, und ich verließ das Land ein weiteres Mal. Und ich verließ einen Landesteil, in dem ich überlappend auch 20 Jahre zugebracht hatte: Hongkong.
Adé, Dufthafen!
Bei Hongkong, dem „duftenden Hafen“, werden die meisten an die vielen Hochhäuser denken. Und in der Tat stehen dort mehr als in jeder anderen Stadt der Welt, mehr als in New York, Shanghai oder Dubai. Dieses Hongkong war zwar das Ziel meiner damaligen chinesischen Frau, die gerne in den richtigen Kreisen verkehren wollte, und so zogen wir dort von einer Wohnung für ca. 3.000 € in eine für 6.000 € um, aber auch das war nicht genug. Der Fischer und seine Frau lassen übrigens grüßen. Denn es sollte eine im einem renommierten Hochhaus in exponierter Lage sein, jetzt für 12.000 € im Monat.
Und das konnte ich weder der Firma noch mir selbst zumuten. Die Ehe war ohnehin seit dem ersten Tag im Eimer gewesen, wurde aber trotzdem mit einer klugen, hübschen und erfolgreichen Tochter gekrönt. Details erspare ich mir hier lieber. Also: Trennung, ich machte das nicht mit, sie durfte die mit ihrem eigenen Geld bezahlen, ich zog in eine kleine Wohnung für gerade mal 600 € auf der Insel Lantau um, mit wenigen Dingen. Lantau ist die größte Insel, Hongkong umfasst etwa 100 davon. Es ist die Insel mit dem Flughafen, ansonsten aber ein grünes Refugium, mit sekundärem Regenwald bewachsen und mit Landschaftstypen, die man in Hongkong nie vermuten würde. Über Berge und Almen, verlassene Dörfer (meist von Polynesiern), historischen Stätten, geht es in andere kleine Dörfer, mein Lieblingsziel war ein Pfahldorf am anderen Ende der Insel, mit einem schönen Café. Wandern! Man begegnete Wasserbüffeln, Schlangen, vielen Vögeln, sogar Adlern und Fischadlern, interessanten Pflanzen. Wann immer es ging, war ich hier unterwegs, Geschäfte konnte man auch per Telefon erledigen, und alle Besucher mussten mit. Es war eine gute Zeit, Natur, Befreiung, Luft zum Atmen.
Auch nach meiner Abreise 2011 habe ich meist wieder auf Lantau gewohnt, bis ich 2018 endgültig Abschied nahm. Diesmal, denke ich für immer.
Denn weder China noch Hongkong waren nun noch das, was sie einmal für mich bedeutet hatten. China war von berechnend, kalt, arrogant, habgierig und repressiv geworden, es gab inzwischen an jeder Straßenkreuzung mehr Überwachungskameras als in ganz Luxemburg, jede Person wurde benotet und gewogen.
Und Hongkong? Da war es noch schlimmer. Meine besten Freunde dort waren alte Hongkonger, gestandene, gebildete Menschen, die zumeist in England studiert hatten und dem Festland meist mit einer gewissen Distanz gegenüberstanden. Was kein Grund war, mit der VR Geschäfte zu machen, aber man führte im Dufthafen einfach ein ganz anderes und viel freieres Leben.
Heute sind alle demokratischen Rechte abgebaut, alle Zeitungen verschwunden oder totzensiert, alle Oppositionellen verschwunden oder eingeschüchtert, es regt sich gar nichts mehr. Die VR reguliert alles und mischt sich ein, baut sich selbst Paläste und Garnisonen in Central – der Lack ist einfach ab. Da ziehen mich keine zehn Pferde mehr hin. Und das ist so schade.
Die Schmach
Woher kommt das alles, diese Veränderungen in China, dieses zweifach radikale Umstülpen aller Werte? Ich denke, das hat alles mit einem Knacks im Selbstverständnis zu tun. China verstand sich immer als Mitte der Welt, als überlegene Nation, von Barbaren umgeben, als das Bessere. Natürlich stimmt so etwas niemals, China hat viel aus dem Ausland übernommen, schon früher. Mutmaßlich hat Qin Shi Huang, der erste Kaiser seiner Qin-Dynastie, viel von 西秦 übernommen, der „westlichen Qin“, dem Römischen Weltreich. Woher kamen die Ideen der Einrichtung von Präfekturen, woher der Plan das Land durch schnurgerade Römerstraßen zu durchziehen? Wer waren die „Gelbhaare“, die in seiner Armee dienten? Schon damals gab es Austausch. China war nicht weiter, größer oder stärker als Rom, Persien oder Indien, von dem es den Buddhismus übernahm.
Dennoch, im Selbstverständnis waren sie etwas Besonderes, und das ist ja auch ein durchaus menschlicher Zug. Man hält sich für die Söhne des Drachens (der wohl keine Töchter hatte), also von übernatürlicher Abstammung. Selbst heute spielt das noch eine Rolle; kürzlich wurden 2025 Knochenfunde einer ausgestorbenen Menschenrasse entdeckt, die den Namen Longren bekam, „Drachenmenschen“. Deren DNA is wohl in die Denisovarer übergegangen und hat sich dann mit Neandertalern und Sapiens vermischt. Aber allein der Fund! Der Name! Nicht aus Afrika abszustammen, sondern originär und einzigartig zu sein!
China, dem die Nachbarländern oft tributpflichtig waren, war das Zentrum seiner Welt. Man schloss sich ab, wollte mit den Barbaren nicht viel zu tun haben, und verpasste die Renaissance. Und prompt folgte die Demütigung durch den Westen und Japan. Nach den Opiumkriegen hatte China viel von seiner Selbständigkeit verloren, der Zoll zum Beispiel lag in britischer Hand, die Ausländer dominierten die großen Städte. Russen und Japaner fochten ihren Krieg 1905 auf chinesischem Territorium aus, China war machtlos dagegen.
Nach dem Boxeraufstand überfielen acht Westmächte, mit den „Germans to the front“, Peking und verwüsteten den Kaiserpalast, nahmen viel an Beute mit, die Kaiserin musste fliehen. Was für eine Schmach! Was für ein Gesichtsverlust!
Schließlich, um diese Kürzestversion abzuschließen, erhob sich die Republik gegen das Kaisertum und setzte es ab, Sun Yat-sen wurde Präsident, lebte aber nur bis 1925. In seiner Nachfolge stritten sich Kuomintang und Kommunisten, Warlords krallten sich die Provinzen, manchmal arbeitete man mit den Ausländern zusammen („Gordons ever victorious army“), mal gegen sie. Religiöse Sekten erwachten, das ganze Land war in ein Labor verwandelt worden, in dem allerdings Bürgerkrieg herrschte. Japan besetzte 1937 den Nordosten und erklärte ihn für unabhängig, doch der Kampf dagegen versandete in Querelen zwischen den beiden Parteien. Wer dabei links und rechts war, war schwer zu sagen. Die Kuomintang war Mitglied der Kommunistischen Internationale, die KP nicht.
Das ganze Hin und Her endete 1949 mit dem Sieg der Kommunisten, Tschiang Kai-schek musste nach Taiwan fliehen, das offiziell erst vier Jahre lang zu China gehörte. Dort ließ er die lokale Intelligentsia ermorden, 40.000 meist indigene Führungspersönlichkeiten. Taiwan, von polynesischen Völkern besiedelt, hatte vorher öfter den Besitzer bzw. Kolonialisten gewechselt, als Formosa unter den Portugiesen, unter den Holländern, schließlich unter den Japanern. Die Insel war also nur vier Jahre lang China zugesprochen worden, dann aber von der Kuomintang besetzt worden. So unabdinglich ist die Zugehörigkeit zur VR also nicht.
China geht es heute darum, diese 100 Jahre Schmach vom Opiumkrieg bis zum Sieg im Bürgerkrieg nicht nur abzuwaschen, sondern der Welt zu zeigen, dass es und niemand sonst die Nummer eins auf der Welt ist. Mao hatte noch gesagt, „überall Getreidevorräte anlegen, tiefe Tunnels bohren, niemals nach Hegemonie trachten“, aber seine idealistische Weltsicht ist ebenfalls Geschichte.
