Moment – ich hab’s gleich!

Was für eine altmodische Beschäftigung, Bücher schreiben, die ohnehin keiner liest, abgesehen von Familie und ein paar Freunden und dem Follower (hallo! Schön, dass du da bist!).

Scheinbar muss der Mensch etwas zu tun haben. Gehen wir etwas zurück in der Zeit. Kein Fernsehen, keine Zeitung, keine Bücher, keine Tafel mit Kreide. Es ist dunkel. Du frierst hinten und verbrennst dich vorne, aber ohne Feuer würdest du erfrieren. Du hast Hunger, obwohl ihr gerade ein Kaninchen geteilt habt, nebst Nüssen und Beeren, sparsam zugeteilt.

Opa sitzt erhöht auf einem Stein, damit sein Bart nicht anbrennt, wenn er Scheite nachlegt. Er ist alt, uralt, bestimmt schon über dreißig, lange wird er er es nicht mehr machen. Aber Opa weiß Bescheid. Er sieht, wie ihr friert und hungert, und er weiß, dass ihr Nahrung braucht. Und schon fängt er an zu erzählen, holt ganz weit aus, damals, die Sache mit dem Wildschwein, auf dem er rücklings saß und dem er aus Not seinen Speer hintenrein steckte, damit es anhielt und damit er es vielleicht doch noch erlegen konnte. Wie es quiekte! Er machte es nach. Wie es zappelte und hopste, um das Ding wieder loswerden, das spitze Ding hinten und das stinkende Ding oben. Es wollte doch nur zu seiner Rotte. Und bevor es mit der Jagd weiterging, erzählte Opa von der Rotte, von den Frischlingen, die so gut nach Majoran rochen, als ob sie schon am Spieß brutzelten.

Tja. Opa erzählt noch weiter, die Nacht ist noch lang und wird noch kälter, da will man zumindest geistig satt werden, die Fantasie nähren, die Hoffnung. Und schon habe ich hier was geschrieben, was ich eigentlich gar nicht vorhatte.

So ist das mit dem Schreiben. Es quillt einfach aus einem heraus, wenn man sich wehrt, bekommt man steife Handgelenke. Klar, man kann auch jemanden anrufen, eine Whatsapp schreiben, mit einem lustigen Katzenvideo, Kurzweil haben. Machen viele, gibt ihnen auch was. Wobei das Gegenteil von Kurzweil nicht Langeweile ist, sondern Eintauchen. Eintritt in eine leicht andere Welt, vielleicht mit uns, vielleicht ohne uns, aber wie es weitergeht, das wollen wir schon noch wissen. So ist das im Leben. Es muss weitergehen, und am Schluss muss mindestens ein Happy-end stehen, ein kleiner oder großer Sieg, die Aufklärung einer bösen Tat, damit sich so etwas niemals wiederholt.

Literatur gibt uns Raum, Hoffnung und so viele Horizonte, wie es Parallelwelten gibt. Auf Whatsapp siehst du ein oder zwei lustige Bilder, sie legen bereits alles fest. Aber Lesen! Da liegen drei Myriaden Hirnwindungen vor dir, und jede führt dich in einer andere Richtung. Du hast die Bilder, baust sie selbst, veränderst sie, lässt sie laufen, lässt sie wachsen, lässt sie Abenteuer erleben und bewältigen. Da kann kein Programm mithalten, denn du hast eine komplette Bibliothek im Kopf, Trillionen Bilder, die du nahezu willkürlich miteinander kombinieren kannst. Eine KI würde dafür mindestens 43 Milliarden Jahre brauchen.

Ein Buch ist wie ein Traum. Der zeigt dir auch Filme, aber die kannst du meist gar nicht beeinflussen. Das Buch schon. Klar, die Handlung liegt einigermaßen fest, aber der Gefühlsraum, die Säfte, die durch die Figuren fließen, das kommt alles von dir, das Leben der Figuren, es ist dein Leben, in einer fast unendlichen Formenvielfalt. „Sie war bildhübsch“, steht da im Text. Und schon malst du dir die Bildhübsche selbst, der eine blond, der andere braun, der dritte so wie alle Fraun, mal blaue, mal braune Augen, mal flachbrüstig, mal üppig, groß, klein, dick, dünn, Muttermal oder nicht, du hast es in der Hand. War das nicht Yvonne aus der Zwölften, die du dir da gerade vorstellst? Lassen wir es Yvonne sein. Und die trifft nun ihren Prinzen, das bist als männlicher Leser natürlich du selbst, nur jünger, stärker, schöner und reicher, und natürlich galanter und klüger, so, wie du sein könntest, wären da nicht immer diese Umstände.

Alle anderen Medien finden vor den Augen statt, ein Buch dahinter. Und das ist das Besondere daran. Die unendliche Vielfalt ist dein.

Alles gut und schön, was hat das mit dir zu tun?

 

Tja, was soll ich sagen? Das fing früh an, mit der Lust am Fabulieren. Bald hatte ich als Knabe die 300 Bücher der Dorfbibliothek durch, im Winter, wenn mir meine Tante nicht den neuesten Band von Sigurd oder Falk mitgebracht hatte, las ich notfalls die ganze Bibel durch, eine Kurzgeschichtensammlung aus dem Orient. 

In der Schule las uns der Lehrer den Anfang einer Geschichte vor, ich glaube, sie war von Camus, wir sollten sie zu Ende schreiben. Schon hatte ich meine Räuberpistole fertig, mein Held machte den üblen Schurken im Sande der Sahara nieder, und ich musste vor der Klasse vorlesen und bekam vielerseits die Idee eingeimpft, doch weiter zu schreiben. Talent hat er, der Bub!

Wenn man Wasser hat, aber gerade keines braucht, baut man einen Stausee. Den baute ich mir in China, dreißig Jahre lang nur Geschäftsberichte und Patentanträge, das war wenig kreativ. Der Stausee aber füllte sich, und kaum war ich zurück in Deutschland, wurde der Bleistift angespitzt und in den weichen Leib des Papiers getrieben. Alles muss raus, und fertig bin ich immer noch nicht damit.

Wer mag, sollte das bei meinem alter ego Nick Stein nachlesen, da steht das zumindest teilweise detaillierter aufgeschrieben.