Schon immer: die Natur

Hasen und Habichte! Quellen im Wald, davor ein Fuchsbau, aus dem die Welpen krochen, wenn ich nur lange genug wartete! Umgestürzte Baumriesen! Steilhänge, die man erklettern konnte (wenn as die Eltern wüssten!) Zittergras and Breitwegerich! Molche in einem Wasserloch! Feuersalamander in einer Baumhöhle, glitschig und giftig aussehend! Eine Bude unter der Buche! Wie anders Eschen, Buchen, Birken, Kiefern! Wie ehrwürdig die 400 Jahre alte Kiefer auf armseligem Boden, gerade mal drei Meter hoch! Emsig die Käfer! Konzentriert die Ameisen! Elegant der Waldlaubsänger, dumpf das Trommeln des Schwarzspechtes!
Die Natur eben. Und zwar schon immer die meine. Schon auf zarten Kindesbeinen ging es mit dem Vater hinein in den Wald. Schon auf dem Weg dorthin regierte die Natur: Durch den großen Garten hinter dem Hof mäanderte sich ein Bächlein hinunter, gespeist von einem Brunnen, in dem ich immer Geister vermutete. Am Bach blühte immer etwas, Vergissmeinnicht, Wiesenschaumkraut, weitere Blumen, jede Blüte ein Kunstwerk, und ein Kind hat Zeit, sich jedes Blatt anzusehen und jeden Käfer darunter zu entdecken. Brennesseln dort, wo meine Oma ihre Ziege begraben hatte, an der sie so gehangen hatte. Im Bach allerlei kleines Leben, das hin und her huschte, im Garten selbst das Konzert der vielen Vögel. Oft lagen wir Kinder dort im hohen Gras und lauschten Stieglitz, Meise und Pirol.
Hinter dem Garten ging es zwischen Acker und Wiese hinauf zum Wald. Breitwegerich auf dem Weg, dem es nichts ausmachte, dass man auf ihn trat, es schien ihn eher noch anzuspornen. Unter dem Weidezaun Zittergras, Mohn und Kornblumen. Oben lag mal ein toter Hase, in dem sich der Hund wälzte und parfümierte: so viel zu lernen! Über die Werksbahn hinauf zu einem kleinen Park mit Bänken, wo abends die Verliebten oder die Betrunkenen saßen, und dann: der Buchenwald. Hauptsächlich alte Buchen, dick wie Tonnen, bestimmt schon hundert Jahre alt. Weiter hinten im Wald auch mal Eschen, Birken und Fichten, aber die Buche beherrschte den Wald. Die Geräusche dort! Ein Hase? Ein Fuchs? Der Habicht, der durchs Geäst strich?
Immer wieder stehenbleiben und lauschen. Dort hinten, siehst du die Wildschweinrotte? Den Rehbock dort? Das Eichhörnchen, das um den Stamm huscht und doch Kontakt mit uns sucht, neugierig, und auf unser nachgemachtes Keckern reagiert?
Klar. Das sah ich erst nicht, lernte es aber, genau wie den Gesang der einzelnen Vögel, den Buchfink, den Dompfaff, den Zaunkönig. Schau mal, die Haut einer Blindschleiche! Abgerstreift, weil sie ihr zu klein geworden war. Da vorn enspringt eine Quelle, Hühnerbrunnen genannt, dort holten wir stumm vor Ostern das Osterwasser, das angeblich alle Leiden kurieren sollte. Und dort lag ein Fuchsbau mit mindestens sieben Ausgängen, dort spielten die Jungen vor den Löchern, wenn die Fähe unterwegs war, und ließen sich von mir nicht stören, wenn ich allein im Wald unterwegs war, und das war ich oft, es war besser als Fußball. Im Sommer zu Fuß, im Winter mit alten Holzskiern.
Meine Mutprobe, von mir selbst auferlegt, war es, nachts in den Wald zu gehen und Holz zu sammeln, ohne mich von den vielen Geräuschen stören zu lassen, die nachts so viel intensiver waren. Da, die Eule! Äste, die sich aneinander rieben und bedrohlich knirschten, das Bellen eines Fuchses in der Ferne.
Lange Streifzüge, später auch mit der Mutter, um Himbeeren oder Brombeeren zu sammeln, in Eimern und Milchkannen, aber da kannte ich mich schon so viel besser aus als sie. Ich kannte die Beeren und wusste sie von den Tollkirschen zu unterscheiden. Nur die Pilze hatte mir niemand beigebracht.
Adoleszenz
Später konnte ich die langen Waldspaziergänge von meinem Interant aus fortsetzen, es lag direkt am Waldrand, im Wald gab es Teiche, verwunschene Ecken, und am Rande der damaligen Zonengrenze verwilderte Gebiete. Normalerweise war ich jeden Tag drei Stunden lang im Wald unterwegs, mal mit Freunden, oft auch gern allein, um zu denken, zu philosophieren, eins zu sein mit der Natur und dann und wann ein Liedchen aus der Carmina Burana vor mich hin zu singen (dort hörte mich wenigstens niemand). In der Schule selbst, am Waldrand sitzend, im feuchten Gras, mit nichts zu tun und nichts zu wünschen oder wollen, ereilte mich etwas. Ein Schalter wurde umgelegt, eine Schleuse geöffnet, ein Kontakt hergestellt: Einheit mit allem, für einen Moment, der aber ewig nachhallte. Eine Art kostenloses Satori für Schüler und sonstige Anfänger, nicht wiederholbar, aber auch unzerstörbar. Freiwilliges Zölibat für ein Jahr, Verzicht auf Alkohol und sonstiges, Freiheit und Leichtigkeit, ein Geschenk der Natur selbst. Später nahm ich die Gewohnheiten wieder auf, allein schon der sozialen Verbundenheit mit Freunden und Mitschülern wegen, auch dem Ruf der inneren Wildnis nicht nur nach spiritueller, sondern auch fleischlicher Konjuktion. Eine wunderbare Zeit! Der Höhepunkt des Erwachsenwerdens, ein Geschenk, das wohl nicht jeder bekommt.
Während des Studium in Göttingen ging es weiter. Wanderungen durch den Stadtwald, den ich heute noch in- und auswendig kenne; Abhängen auf der Schillerwiese mit Gleichgesinnten, und alles gelingt wie von selbst: ein Griff in die Wiese hinein, und schon hatte ich zwei vierblättrige Kleeblätter in der Hand, so gut war ich mit der Natur verbunden.
Das wurde anders, als ich glaubte oder zu glauben überredet wurde, dass nur ein politischer Umschwung, und zwar ein radikaler, das Glück für alle bringen könnte. Die Natur trat zurück, Druckerpressen, Zeitungsverkäufe und Demonstationen, Hausbesetzungen übernahmen, das Helle trat vornehm zurück, das Dunkle drängelte sich nach vorn. Für ein paar Jahre; dann hatte mich Wald, Park und Gelände wieder, mit Nachtwanderungen mit Freunden, mit Radtouren bis an die Nordsee, aber ohne die Leichtigkeit von vorher.
In China ist alles anders
Und zwar alles. Natur war der Antagonist von Kultur, war Vorratskammer und hatte dienstbar zu sein. Mao hatte aufgerufen, die Vier Übel zu bekämpfen, also alle Tiere, die vermeintlich imstande waren, Ernten aufzufressen. Das führte zu Exzessen: Über Tage und Wochen stieg die chinesische Menschheut auf Dächer, Leitern und Stühle und machte Lärm. Lärm mit Topfdeckeln, Lärm mit Trommeln, Lärm mit Trompeten oder auch mit Vogelflinten, Hauptsache laut und anhaltend, bis die angeblichen Körnerfresser erschöpft vom Himmel in die Fleischtöpfe fielen. Und es waren vor allem nicht die Spatzen, denen der Aufwand gegolten hatte, sondern all die anderen Vögel, die verschwanden. Viele Insektenfresser, die vorher die ebenfalls als Ziel auserkorenen Mücken aufgefressen hatten, die sich nun um so stärker vermehrten. Dafür wurden dann alle grasbewachsenen Böschungen in der Hauptstadt und anderswo abgefackelt, weil man annahm, dass dort die Mücken siedelten. Peking war eine braune Wüste geworden, unterbrochen von Pappeln an den Straßen und den Parks, die es zum Glück noch gab. Vögel gab es vor allem auf dem Vogelmarkt, wo die kleinen Sänger in Käfigen ihr bestes gaben, als Pfeiftauben, privat gehalten, mit Pfeifen in den Schwanzfedern, so dass jeder Überflug zum Konzert wurde, und Blauelstern, denen nicht beizukommen war. Ansonsten: Nichts los mit der Natur. In den Wäldern, zum Beispiel am Duftberg im Norden, vor allem Zikaden und Elstern, sonst wenig. Nicht, dass es dazu überhaupt kein Bewusstsein gegeben hätte: Es gab Ausstellungen und Schautafeln, z. B. im Himmelstempel, über Ökologie und die Zusammenhänge von allem, aber das war nicht wichtig.
Anders war es im Süden und Südwesten. Dort war es nicht so aride wie in Peking, dort standen üppige Bambushaine, jeder Bauernhof in Sichuan war von einem Bambuswald umstanden, und Yunnan war immer noch ein Regenwald-Gebiet, komplett mit Elefanten und nationalen Minderheiten. Und es war auch nicht so, dass die Regierung ignorant gegenüber der Thematik war; es wurden (anfangs simple, später durchdachtere) Kampagnen zur Begrünung der Wüste durchgefürhrt, damit Peking im April nicht immer im Sand der Gobi-Wüste versank, die gesamte abgeholzte Provinz Guangxi wurde von Hubschraubern aus mit Baumsamen versehen, heute ist es ein durchgehendes grünes Gebiet. Es geht also.
In Hongkong war das auch früher schon ein wenig anders. Auf Lantau wurden Ackerbau und Viehzucht verboten, damit sich der Regenwald erholen konnte, und seitdem streifen die Wasserbüffel dort wild und doch zahm durch die Wälder und Dörfer. Da lohnte es sich wieder, auf den vier großen Trails, die das Gebiet durchziehen, die Berge und Täler zu durchstreifen, nebst weiteren, kleineren Wanderwegen, und das wurde ausgiebig genutzt. Viele Schmetterling, viele Schlangen, viele Bäume, und auf den Inseln viele exotische Pflanzen, die vom Meer angespült worden waren. Viele Vögel, die abends ohrenbetäubend sangen; wilde Kakadus auf Central, Weißschwanz-Seeadler, die aus dem Norden angereist kamen.
Back to the roots
2011, zurück in Göttingen, nahm ich mir eine Wohnung im Hainholzweg, unweit der Schillerwiese und dahinter dem Göttinger Wald, wo ich noch jeden Weg kannte. Aufatmen! Tief Luft holen! Ausschreiten, bis zur Kerstlingeröder Spitze wandern und zurück, auf dem Kerstlingeröder Feld die Neuntöter fotografieren, die Seidenschwänze, die im Winter dort mit den Meisen herumturnten, die Flugwettbewerbe zwischen Falken, Milanen und Bussarden, die sich mit den Krähen und Dohlen herumschlugen. Schillerfalter auf den Wegen, Orchideen und seltene Pflanzen im Kraut des ehemaligen Militärgeländes.
Dann: Zu Petra nach Schleswig-Holstein, ins Flache. Fünf Jahre lang, aber in der Zeit haben wir ganz Schleswig-Holstein und einen Teil Mc-Pomms durchwandert. Anders als in den Mittelgebirgen, aber auch viel Natur. Hier gab es gerade wieder Seeadler, wenige noch, den ersten Ankömmling besuchten wir an seinem Horst, bereit, für zwei Wochen Wachdienst dort übernehmen. Hier gab es Seen und Feuchtgebiete, andere Vögel, Strände und Limikolen, Moore mit Kranichen, die sogar dort überwinterten und die im Moor ihre Jungen großzogen und gegen die Füchse verteidigten. Rothirsche statt Rehe, und viele Vögel und wilde Blumen ums Haus am See herum. Wieder eine gute Zeit in der Natur!
Schon von dort aus begann unsere Zeit mit dem NABU. Erst nahmen wir nur an Exkursionen teil, zum Schreiadler, den ich bis heute unterstütze, durch den Anklamer Bruch. Wir wurden in Projekten zum Naturschutz aktiv, an der Spree und an der Elbe, pflanzten hier Bäume und beseitigten dort welche, die da nicht hingehörten. Das schmeckte nach mehr!
NABU
Zurück in Südniedersachsen, inzwischen verheiratet und der Sehnsucht nach Bergen und Tälern voll, waren wir bald im lokalen NABU-Verband aktiv. Mit vielen Aufgaben, die ich hier nicht alle aufzählen möchte, aber immer im Dienst der Natur. Teiche anlegen, Nistkästen pflegen, Schwalben und Mauersegler-Heime anlegen, das waren nur einige davon.
Inzwischen sind Petra und ich im Vorstand gelandet und planen unsere eigenen Aktionen. Die letzte war und ist ein Projekt zu insektenfreundlichen Gärten. Solche Biotope zeichnen wir mit Plaketten und Dokumenten aus, teilweise sogar mit Preisen, und die Reaktion auf Zeitungsartikel dazu, Aufrufe und Mundpropaganda war enorm. Viele Gartenfreunde bewarben sich, viele wurden ausgezeichnet, über unseren Wirkungsbereich hinaus, einigen konnten wir zumindest Hilfestellungen geben. So tragen wir dazu bei, dass die vielen kleinen Bestäuber Trittbretter für ihr Überleben und ihre Verbreitung finden und nicht vollends von der Zivilisation verdrängt werden.
Ein- bis zweimal im Jahr sind wir auch wieder im Norden, als Schutzgebietsbetreuer, und passen auf Seevögel auf, die ansonsten kaum noch Brutplätze finden. Aufregend und erfüllend, so nah dran zu sein, und traurig, zusehen zu müssen, wie die wenigen geeigneten Biotope für Strandbrüter dem Tourismus weichen müssen.
Achtet die Natur, liebe Leser, ohne sie können wir nicht überleben, sie ohne uns schon. Und nicht nur der Nützlichkeit wegen: Sie ist ein unerschöpflicher Quell von Schönheit und Glück. Nehmt dieses Geschenk an.
